Los jetzt!

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Es ist Mittwoch, der 6. April 2016.

Es ist 12.56 Uhr.

Meine Armbanduhr liegt vor mir auf dem Tisch, während mir die Sonne auf den Rücken scheint. Für einen kurzen Moment genieße ich die Ruhe. Die 6. Unterrichtsstunde dauert noch knapp 20 Minuten – da muss das Handgelenk dringend mal für ein paar Minuten von der Uhr befreit werden.
Als (fast) frisch gebackene Lehrerin ist meine Armbanduhr mein wichtigster Begleiter geworden – und das Fehlen dieser an nur einem einzigen Unterrichtstag fühlt sich bereits nach einem knappen halben Jahr im Schuldienst wie eine Amputation eines besonders wichtigen Körperteils an. (Und insgeheim frage ich mich in diesem Moment: Hilfe, wie soll das da bloß erst in ein paar Jahren in diesem Beruf werden?!)
Vor mir sitzt gerade ein Schüler aus der 3. Klassenstufe, der eine Mathe-Arbeit nachschreiben muss. Vor lauter Mitgefühl, dass dieser arme Kerl zu so einer gemeinen Zeit auch noch rechnen muss, habe ich doch glatt meine Kaubonbons mit ihm geteilt. Doch leider hält das kurze Oh-ich-habe-etwas-Gutes-getan-Gefühl nicht allzu lange an… Augenblicklich sehe ich tadelnde Gesichter vor meinem inneren Auge und höre in Gedanken ermahnende Worte… Denn gleich das Wichtigste vorweg: Ich bin ein Seiteneinsteiger – oder auch: Quereinsteiger, Unterstützer oder Den-Beruf-des-Lehrers-Abwerter genannt. Da vor allem Letzteres weit verbreitet zu sein scheint, ist Tadel mein ständiger Begleiter.

Ich stecke mir einen Kaubonbon in den Mund, schüttle kaum merklich mit dem Kopf und lächle leise vor mich hin. Nein, heute gebe ich den Alltagsmonstern keine Chance. Stattdessen nehme ich ein leeres Blatt zur Hand, schnappe mir einen Stift und schreibe drauf los – Denn das hab ich schon viel zu lange nicht gemacht! Als studierte Germanistin fehlt mir das Schreiben von Tag zu Tag mehr. Ich liebe meinen neuen Beruf, keine Frage. Ich liebe das Kinderlachen, die unzähligen Fragen, die mir von meinen Schülern gestellt werden und welche dann mit großen Augen meinen Erklärungen lauschen, die Knuddel-Attacken und die unzähligen Liebesbriefe. Doch das Bedürfnis, endlich wieder zu schreiben, ist und bleibt da. Deshalb entscheide ich mich, in diesem Moment die ersten Sätze für meinen Blog aufzuschreiben (und wette, dass ich, wenn ich heute Abend zu Hause bin und meine Kritzeleien am Laptop abtippe, wieder jedes einzelne Wort kritisch beäugen und mich verunsichern lassen werde). Doch meine Entscheidung steht fest: Los jetzt!